10.04.2017

Vertrautheit in der Fremde – Wissenschaftlicher Gesprächskreis

Wie wird Japan heute in Deutschland dargestellt? Ist es ein „exotisches“ Land, ein „Sehnsuchtsort“? Die renommierte Japanologin Prof. Irmela Hijiya-Kirschnereit hat vor 28 Jahren mit ihrem viel zitierten Werk „Ende der Exotik“ den romantisierenden und fremdartigen Blick des Westens auf Japan kritisiert. Bei unserem Wissenschaftlichen Gesprächskreis (WGK) am 3. April kam sie zu dem Fazit: Vom „Ende der Exotik“ sind wir auch heute noch weit entfernt.

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Der erste „Wissenschaftliche Gesprächskreis“ (WGK) in diesem Jahr wurde vom DAAD Tokyo, der Deutschen Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V., der Universität Tokyo, unter der Schirmherrschaft der Deutschen Botschaft Tokyo und mit Unterstützung der Einstein-Stiftung veranstaltet, die den Aufenthalt der Referentin in Japan finanzierte. Frau Irmela Hijiya-Kirschnereit, Professorin der Freien Universität Berlin hielt einen Vortrag mit dem Titel: Kein Ende der Exotik? Ein Versuch über das Japanbild in mitteleuropäischen Köpfen aus Anlass von Christian Krachts Erfolgsroman „Die Toten“. Über 70 Gäste kamen zum WGK ins Deutsche Kulturzentrum.

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Dorothea Mahnke, die neue Leiterin der DAAD Außenstelle, eröffnete die Veranstaltung. Als Japanologin habe sie selbst im Studium das Buch „Ende der Exotik“ diskutiert. Frau Mahnke betonte, interkulturelles Verständnis zu ermöglichen, sei eine der Kernaufgaben des DAAD. Um Exotismen zu schwächen, müsse man sich „der Andersheit stellen“ und „das Vertraute im Fremden registrieren“, zitierte sie Frau Hijiya-Kirschnereit . Herr Prof. Omiya Kanichiro vom Seminar für deutsche Sprache und Literatur dankte der Referentin im Namen der Universität Tokyo für ihr Kommen und leitete in das Thema des Vortrags, Christian Krachts Roman „Die Toten“, ein. Robert von Rimscha, Gesandter an der Deutschen Botschaft in Tokyo, zitierte Rezensionen des Buches, aus denen deutlich wurde, wie stark dieses polarisiere. Anschließend gab Prof. Stefan Keppler-Tasaki von der Universität Tokyo Einblicke in Frau Hijiya-Kirschnereits beeindruckende Biographie mit ihren zahlreichen Preise, Ehrungen und Publikationen.

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Frau Hijiya-Kirschnereit begann ihren Vortrag mit einem persönlichen Rückblick – sie selbst habe vor 35 Jahren das erste Mal auf der Bühne des Saals des Deutschen Kulturzentrums gestanden. Damals sei Japan für sie ein „Sehnsuchtsort“ gewesen, „geradezu epidemisch faszinierend“. Eine Faszination für Japan zeigt sich auch in der deutschsprachigen Literatur, in der Japan häufig verarbeitet wird, zuletzt in dem Roman „Die Toten“ (2016) von Christian Kracht. In dem Roman versucht ein japanischer Kulturbeamter um das Jahr 1933 mithilfe eines Schweizer Filmregisseurs den „Kulturimperialismus“ des amerikanischen Films in Japan zu bekämpfen. Das Werk ist gespickt mit Japonismen und sogar nach der Dramaturgie des Nô-Theaters in drei Teilen eingeteilt.

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Frau Hijiya-Kirschnereit zeigte auf, dass der Autor viele schiefe Fakten als „authentisch japanisch“ darstellt, wobei offenblieb, ob diese Abweichungen beabsichtigt sind. Der Autor sei schliesslich für Provokationen seiner Leser bekannt. So hieße es beispielsweise, das Niesen in der Öffentlichkeit sei in Japan unhöflich, wo es doch in Wahrheit das laute Naseputzen ist. Auch die blutige Selbstmordszene, die am Anfang wie durch ein Guckloch vom Leser miterlebt werde, weise viele Unstimmigkeiten auf. Aber ebenso ließen sich viele Parallelen mit den Erzählungen berühmter japanischer Schriftsteller ziehen: Etwa die Nähe von Erotik und Grausamkeit wie bei Mishima Yukio oder die zahlreichen Verweise auf Tanizaki Junichiros Essay „Lob des Schattens“. Auch die Darstellung japanischer Frauen werde von exotischen Bildern aus dem Shintô, dem japanischen Buddhismus und japanischen Horrorfilmen geprägt. So würden gängige Japanmythen bestärkt – auch wenn der Autor diese wohl absichtlich überspitzt darstelle und parodiere. Frau Hijiya-Kirschnereit resümierte, das „Ende der Exotik“, wie sie es damals mit ihrem berühmten Buch herbeizuführen hoffte, sei noch lange nicht in Sicht. Verantwortlich dafür seien auch Japanologen, die teilweise auf altbewährte, längst überholte Erklärungsmuster zurückgriffen und damit gerade unter japanischen Kollegen oft auf bereitwillige Unterstützung stießen.

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In der anschließenden Diskussion, deren Moderation Herr Keppler-Tasaki übernahm, schien die Frage besonders interessant, warum Deutschland als Stoff in literarischen Werken japanischer Autoren viel seltener verarbeitet werde als umgekehrt. Dabei führte Frau Hijiya-Kirschnereit die Werke der Autoren Mori Ogai und des ehemaligen DAAD-Stipendiaten und Literaturnobelpreisträgers Ôe Kenzaburô, die beide in Berlin gelebt haben, an. Auch die Frage, wie sich ein mögliches „Ende der Exotik“ gestalte, beschäftigte die Zuhörer. Frau Hijiya-Kirschnereit sagte, dass man dafür in der Wissenschaft bescheidenere Aussagen tätigen und das Verbindende eher als das Fremde thematisieren solle.

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Den abschließenden Umtrunk eröffnete Herr Prof. Heinrich Menkhaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten. Dabei ging er auf die Geschichte des Wissenschaftlichen Gesprächskreises ein, der – ursprünglich als Austauschmöglichkeit für Naturwissenschaftler konzipiert – nun Referenten und Zuhörer aus allen Fachgebieten anlocke. Anschließend unterhielten sich die deutschen und japanischen Gäste bei Brezeln und Snacks. Einige sprachen weiter über das Vortragsthema, andere über eigene Forschungsprojekte, die Arbeit und das Leben in Japan – von „Exotik“ und „Fremdheit“ war an diesem Abend zumindest nichts zu spüren.

Bericht: André Böke

Fotos: Tanja Weyhe, Juliane Schedler

(Praktikanten des DAAD Tokyo)

 

Redaktion: Laura Blecken

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