10.06.2016

Symposium über Lifecycle Management – Eine runde Sache

 - Ostasiatisch-Deutscher Wissenschaftsaustausch in den Fachgebieten Medizin, Life Science und Ingenieurwesen auf Initiative des DAAD in Japan -

Lebhafte Gespräche mit Deutschland-Alumni aus ganz Ostasien, spannende Einblicke in die neusten Entwicklungen der Robotik,  hitzige Diskussionen über ethische Grundfragen, inspirierende Vorträge, bewegende Musik – die Jahresveranstaltung 2016 der DAAD-Außenstelle in Tokyo zum Thema „Lifecycle Management“ mit Unterstützung der Alexander von Humboldt –Stiftung und der Universität Tsukuba  sowie vieler anderer Sponsoren wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Mediziner, Natur- und Ingenieurwissenschaftler im Lifecycle: Unser symbolträchtiges Symposiumsplakat

Mediziner, Natur- und Ingenieurwissenschaftler und Ostasien im Lifecycle: Unser symbolträchtiges Symposiumsplakat  

Vom 3.-5. Juni 2016 kamen im Deutschen Kulturzentrum Tokyo über 100 DAAD-Alumni aus Korea, China, Taiwan und Deutschland zusammen, um sich mit japanischen Fachkollegen und –kolleginnen über Möglichkeiten eines „Lifecycle Management“  interdisziplinär auszutauschen, alte Freunde wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen.Gruppenfoto

Bei der feierlichen Eröffnung des Symposiums am Freitag Abend (3.6.) wurden die Gäste im Europa-Saal des Deutschen Kulturzentrums zunächst von der DAAD Außenstellenleiterin Dr. Ursula Toyka begrüßt.  Das Symposium sei als erstes interdisziplinäres Symposium dieser Art und zugleich viertes Treffen des 2012 in Seoul gegründeten „East Asian Network of Life Science and Medicine“ eine wertvolle Gelegenheit für ostasiatische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sich über ganzheitliche Ansätze und nachhaltiges Management aus Sicht anwendungsbezogener Wissenschaften auszutauschen und ihre akademischen  Beziehungen mit Deutschland zu pflegen.  Auch der Leiter des Referats Wissenschaft und Technologie der Deutschen Botschaft in Tokyo, Herr Ingo Höllein, und Prof. Seigo Hirowatari, Präsident der Japanischen Gesellschaft der Humboldtianer, begrüßten die Initiative als Möglichkeit zum Ausbau und Aufbau fachlicher Netzwerke und zur Debatte  zum vorgegebenen Thema. Auch die Mitglieder des Planungskomitees unter Vorsitz von Prof. Dr. Akira Matsumura hießen die Teilnehmenden aus Japan, China,  Korea, Taiwan und Deutschland willkommen  und wiesen auf die Relevanz der Workshopthemen in Bezug auf eine gesunde und sinnvolle Gestaltung unserer Zukunft hin.

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Prof. Dr. Jun Matsuda, prominenter Medizinethiker der  Universität Shizuoka sprach mit einem Eröffnungsvortrag grundlegende  medizinisch-ethische und philosophische Aspekte des Themas  „Lifecycle Management“ an und wies u.a. auf Potenziale und Risiken des „Internet of Things“ in der Medizin hin.  Schon hier zeigte sich, was während des Symposiums immer wieder zur Sprache kam:  Inzwischen haben wir die technischen Möglichkeiten mit „intelligenten“ Produkten – also Gegenständen mit eingebauten Computern, die unmerklich Informationen verarbeiten – unseren Körper ständig zu analysieren und sogar zu kontrollieren. Aber inwieweit wollen wir uns beim „Management“ unseres Körpers auf Computer verlassen? Oder uns sogar Computern überlassen?

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Derartige Fragen dürften noch manchen beschäftigt haben, als die Sopranistin und DAAD-Alumna Keiko Hibi, am Klavier begleitet von Hisako Hattori, mit einer fulminanten Darbietung bekannter Kunst- und Volkslieder aus allen beteiligten Ländern den Abend ausklingen ließ. Sie sang zur freudigen Überraschung der Gäste in der jeweiligen Originalsprache und bewegte viele bei den  bekannten Stellen zum Mitsummen und Mitsingen.

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Am Samstagmorgen sammelten sich die ausländischen Gäste gut gelaunt und erwartungsvoll in der Hotellobby, um bei strahlendem Sonnenschein gemeinsam den Weg zum DAAD anzutreten. Im Plenum des Europa-Saales führte zunächst der Ingenieurwissenschaftler Prof. Dr. Sándor Vanja (Otto von Guericke Universität Magdeburg) grundsätzlich in das Thema „Lifecycle Management“ ein und klärte dabei nicht zuletzt die Frage, was sich eigentlich hinter dem Wort „Lifecycle“ verbirgt: :

„If something has a beginning and an end, there is something in between – which we can call ‘Lifecycle’”(Wenn etwas einen Beginn und ein Ende hat, dann gibt es etwas dazwischen – was wir “Lebenszyklus” nennen können). In den Ingenieurswissenschaften wird beim „Product Lifecycle Management“ (PLM) der Lebenszyklus eines Produkts von der Ideenentwicklung bis zum Recycling in verschiedene Phasen unterteilt. Die verschiedenen  Prozesse zu planen, zu steuern und zu kontrollieren  sei ein „Management“, das auch bei anderen Formen eines „Lebenszyklus“ notwendig und zunehmend methodisch interdisziplinär übertragbar sei. So spricht man heute  vom „Lebenszyklus“ eines Produkts, einer Dienstleistung, einer Software – und nicht zuletzt eines Lebewesens.  Allerdings sei fraglich, inwieweit das menschliche Leben in diesem Sinne einem „Management“ unterworfen werden solle und dürfe.

Samstagmorgen

Über den Tag hinweg folgten in vier Workshops Vorträge zu aktuellen Forschungen in den verschiedenen Disziplinen zu Themen der Gesundheit, des Gemeinwesens,  der ökologischen Nachhaltigkeit und der Sicherheit, denen jeweils ausführliche Diskussionen folgten.  Die intensive Gruppenarbeit wurde nur in der Mittagspause kurz unterbrochen.  Der stellvertretende Direktor des Iwai Orhopedic Medical Hospitals und Humboldt-Fellow, Dr.  Hisashi Koga, nutzte diese zur Vorstellung seines Operationsverfahrens bei Halswirbel-Myelopathie mithilfe eines neu entwickelten Distanzringes aus Titan – ein Material, das sich besonders gut in den  menschlichen Körper implantieren lässt. Auf seine Vermittlung hin wurden im Foyer innovative Medizinprodukte ausgestellt, für die sich die Ärzte unter den Teilnehmenden besonders interessierten. Andere ausländische Gäste erforschten währenddessen lieber das ungewohnte Sammelsurium japanischer Köstlichkeiten im Inneren ihrer Lunch-Box.

Samstagmittag

Der Nachmittag bot weitere spannende Vorträge ostasiatischer und deutscher Referenten vom Einsatz neuer forstwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsmaßnahmen über Eingriffe in den Lebenszyklus von Viren und Bakterien und  Gesundheitsförderung in der  alternden Gesellschaft  bis zu Versorgungssystemen bestimmter Termiten zum Lebenserhalt ihrer Populationen durch die wortwörtliche Verkoppelung ihrer Verdauungszyklen. Prof. Dr. Hiroyuki Nakamura, Dekan der Graduate School of Advanced Preventive Medical Sciences der Universität Kanazawa (Westjapan), stellte neueste Studien zur Entwicklung einer individualisierten Preventivmedizin speziell in Bezug auf Pollenallergien vor. Demnach ist das Tragen einer Gesichtsmaske, wie schon jetzt in Japan weit verbreitet, nachweislich das effektivste Mittel zur Vorbeugung sei es im städtischen, ländlichen oder küstennahen Erprobungsraum.Workshops

Die Ergebnisse der Workshops wurden nach einer Kaffeepause am späten Nachmittag durch die  Workshop-Leiter vorgestellt. Die anschließende Diskussion spitzte sich auf die brisante Frage zu, ob man in Bezug auf ein Menschenleben von „Lifecycle Management“ sprechen, oder dieses gar betreiben dürfe. Hier vertraten die Mediziner eine weniger ambivalente Position als die Ingenieure. Man fand schließlich den Konsens, dass trotz der auch während des Symposiums immer wieder dargestellten Beispiele für eine bereits faktisch vorhandene Fremdbestimmung unseres Lebens doch grundsätzlich zu hinterfragen bleibt,  ob sich das in den Ingenieurwissenschaften entwickelte Konzept von „Lifecycle Management“ auf den Menschen selbst übertragen lässt. Denn selbst wenn in der Theorie alles als  „Produkt“ betrachtet werden kann, bleibt dahingestellt,  ob es in der Praxis so behandelt werden sollte.05 Banner Samstag 04.06.

Zum Abschluss des Abends stellte Prof. Dr. Yoshiyuki Sankai, der Direktor am „Center for Cybernics Reseach“ von der Universität Tsukuba das Exoskelett HAL (Hybrid Assistive Limb) vor, eine weltberühmte Innovation, die auch den Wissenschaftsministern beim G7-Gipfel in Tusukuba vorgeführt worden war. Einzelne mit Sensoren versehene  Plaketten werden dabei  an bestimmte Körperpartien angelegt, wo die zum Gehirn führenden Nervenstränge die dort empfangenden Signale menschlicher „Denkanstöße“ von der Haut ablesen und in Impulse an die Muskeln umsetzen. So kann die im Gehirn beabsichtigte  Bewegung der Glieder motorisch ausgeführt werden. Dies hilft vor allem Menschen, die – aufgrund von Krankheiten oder Verletzungen – unbeweglich geworden sind, und  unterstützt den Nutzer bei seinen physischen Bewegungen. Die Partikel dieses sogenannten „Robot Suit“ werden heute in über 400 Kliniken in Japan angewandt. Erste Einsätze laufen derzeit in der Bergmannsheil-Klinik  bei Essen und sollen weiter ausgebaut  werden. Gleichzeitig werden derzeit in Deutschland Möglichkeiten der Kostenübernahme durch Krankenversicherungen geprüft.  Prof. Sankai  entschied sich für die Kooperation mit Deutschland, weil es  in der Medizin zusammen mit den USA eine Vorreiterrolle spiele. Beim anschließenden Abendessen gab es dann  ausreichend Gelegenheit zum persönlichen Gespräch, und vor allem die anwesenden DAAD-Stipendiaten aus Deutschland und Japan  freuten sich,  den berühmten, ihnen bisher nur aus der Literatur bekannten Forscher persönlich sprechen zu können.

Samstagabend

Am Sonntag wurde das Symposium am Tokyo Campus der Universität Tsukuba fortgesetzt. Prof. Dr. Kern (Universität Ilmenau) knüpfte in einem Vortrag an die heiß diskutierten Fragen vom Vortag an und betrachtete vergleichend den Lebenszyklus in der Materialwissenschaft und den Lebenszyklus von Studiengängen. Er sprach über die Verantwortung nicht nur der Wissenschaft sondern auch der  Bürokratie für die Nachhaltigkeit der Studiengänge und forderte eine nachhaltigere Ausrichtung der ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung.  Dennoch sei diese in Deutschland hinsichtlich der Qualität und  Breite der Grundausbildung konkurrenzlos, die es deutschen Ingenieuren ermögliche, sich schnell und effektiv auf neue Bedarfe und Anforderungen einzustellen. Hier sei auch für den japanischen Nachwuchs ein Studienaufenthalt mit hohem Gewinn verbunden.  Prof. Dr. Tatsuo Igarashi (Universität Chiba), Dekan der School of Medical Engineering, zeigte am Beispiel der Universität Chiba, wie Medical Engineering von jungen Forschern praktiziert wird und führte eine Kooperation mit der Charité Berlin als Modellbeispiel internationaler Kooperation an. Anschließend stellte Prof. Dr. Hisakazu Mihara (Tokyo Institute of Technology), Dekan der School of Bio-Engineering, das zum 1.4.2016 reformierte Studiensystem vor, dessen Studienjahr in Quartale eingeteilt ist, um den Studierenden und den Forschern besser  Kurzaufenthalte in internationalen Partnerländern zu ermöglichen. Der bereits bestehende Austausch von Studierenden mit deutschen Universitäten solle nun zu einer vertieften Projektkooperation bei Forschungsprojekten führen.

08 Banner Sonntag 05.06.

Der letzte Teil des Programmes gehörte dem Thema der Alumniarbeit in Ostasien und speziell in Japan.  Prof. Dr. Lee-Whan Ahn, Generalsekretärin des Alumnineztwerkes Deutschland- Korea (ADeKo), sprach über den Aufbau des Netzwerkes 2007  mit deutscher Unterstützung und legte in beeindruckender Weise dar, wie sich 50 Deutschland-Alumni-Verbände in Korea ihren Dachverband schufen, dem heute als Präsident der PM a.D. Kim Hwang-sik vorsteht. Die Präsidenten der größten Deutschland-Alumiverbände in Japan, Tomonokai (Prof. Dr. Ryuichi Higuchi) und Humboldt Fellows ( Vizepräsident Prof. Dr. Takeshi Tsubata ) sowie der Präsident des Freiburger Alumni Clubs, Prof. Dr. Masahisa Deguchi, stellten die Arbeit japanischer Alumni-Verbände vor, die von großer Freundschaft zu Deutschland getragen sind aber an Nachwuchsmangel leiden.

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In der abschließenden Diskussion stimmten die Symposiumsteilnehmer darin überein, dass Alumni-Netzwerke ein wichtiges Potenzial für die Internationalisierung der Hochschulen darstellen und durch regelmäßige Symposien verfestigt werden sollten. Die Vorschläge aus dem Plenum, in einem der ostasiatischen Nachbarländer  zur Stärkung des Fachnetzwerkes Life Sciences und Medizin möglichst bald eine Folgeveranstaltung zum Thema „ Lifecycle Management“ unter Einbeziehung der Ingenieurwissenschaften zu veranstalten, wurden mit der Hoffnung verbunden, die nächste Veranstaltung in Korea durchführen zu können, was allerdings noch keine Bestätigung fand.

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Mit einer Sightseeing-Tour durch Tokyo und mit regen Gesprächen ging unsere Tagung am Sonntagabend zu Ende. Der „Lebenszyklus“ der Almuni-Arbeit des DAAD erreichte damit nur einen von hoffentlich noch zahlreichen weiteren Höhepunkten. Die „nachhaltigen“ Eindrücke des dreitätigen Symposiums lassen  durchaus eine lange Blütezeit erhoffen!

 

Text: Laura Blecken, Dr. Ursula Toyka

Fotos: Yasuhiko Shimazu; Laura Blecken

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Programm

Flyer (japanisch)

Plakat (englisch)

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