13.08.2015

37. Interuni-Seminar am Yamanaka-See

Anlässlich des 37. Interuni-Seminars, das vom 2. bis 6. August 2015 am Yamanaka-See stattfand, kamen 34 Studierende und Dozierende aus Japan, Deutschland und Korea zusammen, um über das Thema „Fast Food oder Slow Life?“ zu diskutieren. 

Das Interuni-Seminar Ostjapan wird seit vielen Jahren federführend von Prof. Aizawa Keiichi, Professor der Germanistik an der Tsukuba-Universität und einer der Initiatoren des vom DAAD geförderten trilateralen TEACH-Masterprogramms, organisiert. Die Veranstaltung ermöglicht Teilnehmenden, zweimal im Jahr außerhalb von Unterrichtsräumen und universitären Strukturen ihr Deutsch zu verbessern und sich mit Deutschlernenden anderer Universitäten  Koreas und Japans sowie mit deutschen Studierenden in Japan zu vernetzen. Teilnahmeberechtigt an diesem „Senioren-Seminar“ sind nicht-deutsche fortgeschrittene Studierende, die hier vor allem freies Sprechen üben können. Beim Interuni-Seminar werden in Arbeitsgruppen unter Anleitung von Dozierenden Themen anhand deutschsprachiger Texte und Materialien bearbeitet, die einen Bezug zum Rahmenthema besitzen; Präsentationen verlagern die Diskussion der Inhalte anschließend ins Plenum.

Das Verlangen, über das Thema „Slow Life“ zu diskutieren, war bei den Teilnehmenden von Anfang an zu spüren. Dies liegt wohl im Thema „Slow Life“ begründet, das jüngst auch gehäuft in den Medien aufgegriffen wird. So fiel der Einstieg in eine Diskussion auf Deutsch nicht schwer, obgleich dies doch für fast alle anwesenden Deutschlernenden Neuland war. Während es sprachlich „flutschte“, wurde schnell klar, dass es thematisch knifflig werden wird. So blieben auch Pauschaldefinitionen von „Slow Life“ aus. Trugschlüsse wie die Idylle des Landlebens und „gesunder“ Lebensstil durch den Kauf von Bio-Gemüse wurden schnell als Halbwahrheiten entlarvt, während sich Selbstbestimmung als ein hier wichtiger Faktor herauskristallisierte: Das Landleben ist hart, Bio-Gemüse aus bestimmten Regionen mag nicht zwangsläufig gesund sein und die Existenz „brauner“ Bio-Höfe, die von Landwirten mit rechtsextremen Ansichten geführt werden – All dies passte nicht in die verklärten Vorstellungen vieler Slow Life-Anhänger.

 

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Gruppenfoto der Teilnehmenden des 37. Internuni-Seminars vor dem Yamanaka-See.

 

Das Spektrum der in den Arbeitsgruppen diskutierten Aspekte war vielfältig und vermied so Wertungen: Waldkindergarten, aktive Sterbehilfe, Futurismus mit seiner Verherrlichung der Geschwindigkeit und die Slow Food-Bewegung (ebenfalls) aus Italien, Entschleunigung im Klosterleben sowie Goethes Begriff „veloziferisch“ und andere AG-Angebote erleichterten den Teilnehmenden die Meinungsfindung und ermöglichte intensive Diskussionen.

Während der DAAD die Kosten der angereisten deutschen Lektoren aus Japan trug, wurde der Aufenthalt der Gäste aus Korea, Professorin Jhee Young Eun von der Seoul Frauenuniversität, und Studentin Soo Been Lyum von der Sungshin Frauenuniversität, vom Goethe-Institut finanziert. Sie stellten koreanisches Slow Life und Fastfood vor und berichteten von aktuellen Trends im koreanischen Fernsehen. Sie ermöglichten uns sogar eine Kostprobe des vor Ort zubereiteten koreanischen Fastfoods Toppogi. Der Eindruck festigte sich, dass das Thema den Nerv der Zeit in allen Industriestaaten trifft.

Als kleine Pause genossen die Studierenden dann den freien Nachmittag am Mittwoch entspannt im Ruderboot auf dem See oder abenteuerlich auf dem Bananenboot, im Onsen oder im Kappa-Bus, der nach einer Sightseeing-Tour von der Straße auf den See fährt. Als eine Art Bergfest feierte die Gruppe wetterbedingt ihre „Abschlussfeier“ bereits am Mittwoch, bei der bei Barbecue und kleinem Feuerwerk bis in den späten Abend hinein weiter diskutiert wurde.

Am letzten Tag wurden die Ergebnisse der studentischen Arbeitsgruppen präsentiert, die ohne Anleitung der Dozierenden während des Interuni-Seminars ein eigenes Thema vorbereitet hatten. Von der Gruppe „Lebensmittel aus Fukushima“ wurde anschaulich die Gewissensfrage gestellt, wie man mit Bio-Produkten aus dieser Region umgeht. Eine weitere Gruppe setzte sich mit der ideologischen Komponente der Entschleunigung auseinander, während die dritte („Slow Life“ in der Großstadt) überzeugend darstellte, dass Slow Life eher eine Einstellung und somit überall möglich sei, solange Selbstbestimmung gewährleistet bleibt. Durch eine Performance, bei der „Slow- und Fast Life“ eines Durchschnittsstudierenden pantomimisch gegenüberstellt wurden, stellte die vierte Gruppe sehr anschaulich dar, dass virtuelle Kontakte zwar alles beschleunigen aber ebenso zu der falschen Wahrnehmung führen, dass nur diejenigen, die schnell sind, erfolgreich sind. Dass längerfristig Entschleunigung durchaus ein Weg zum Erfolg sein kann, zeigte aber die letzte Gruppe, die sich mit Slow Life-Kindergärten befasste.

Letztlich, ganz im Sinne des Interuni-Seminars, gab es keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Alle Teilnehmenden verließen aber diese fünftägige Veranstaltung mit vielen neuen Gedanken, die möglicherweise Ansichten auf das eigene Leben verändern. Einige sind neugierig auf andere Perspektiven geworden und streben nunmehr ein Studium in Deutschland an, wozu am Rande des Seminars Beratungsangebote durch den anwesenden Lektor des DAAD und die Autorin vorhanden waren. Wir danken dem Organisationsteam für ein bereicherndes Seminar und freuen uns auf die Fortsetzung. Informationen unter: Interuni und Interuni Westjapan

Elisabeth Schulz DAAD Tokyo Praktikantin August 2015

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